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Abschlusstraining vor dem wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte: Trainer Abulfattah Arar it wütend.

Elf Brüder müsst ihr sein


Nahe Bethlehem gibt es ein Dorf voller Fußballtalente. Taraji Wadi al-Nes ist palästinensischer Rekordmeister – und die Vereinsgeschichte klingt wie ein Märchen für Fußballromantiker. Im Mittelpunkt steht der Name einer Familie.

Von Sebastian Christ

Es waren einmal drei Brüder, die in einem kleinen Dorf im Bergland um Bethlehem lebten. Nicht nur, dass jeder einzelne von ihnen mit fußballerischem Talent gesegnet war, auch ihre Söhne erbten die außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit dem Ball. Einer der Brüder hatte sechs Söhne, und jeder einzelne von ihnen spielte so gut, dass er sich mit den Besten seines Landes messen konnte. Zusammen mit ihren Cousins bildeten sie das beste Team in ganz Palästina.

Das, was seit Jahren in einem 900-Einwohner-Nest südöstlich von Jerusalem geschieht, ließe sich tatsächlich wie ein Märchen erzählen. Aber die Geschichte ist wahr: Es ist die des Provinzclubs Taraji Wadi al-Nes, der in den vergangenen Jahren ohne echten Vereinsetat zum palästinensischen Rekordmeister aufstieg und ausschließlich aus Mitgliedern ein und derselben Großfamilie besteht.

Jeden Tag, kurz vor drei, rollt hier ein gelbes Großraumtaxi durch die verstaubten, steil abfallenden Hangstraßen und sammelt die Spieler für das Training ein. Alle fünfzig Meter hält der Bus, und einer der Insassen ruft einen Vornamen in den Hauseingang: „Ahmed!“ „Ali!“ „Dschihad!“ Auf dem englischen Wikipediaangebot gibt es eine Mannschaftsliste, und der Einfachheit halber hat der Autor auf die Nennung der Nachnamen verzichtet. Jeder heißt hier so wie einst die Clubgründer: Abu Hammad.

Viermal wurde der Club palästinensischer Meister: 2000, 2007, 2009 und 2014. Mehrmals gewann Wadi al-Nes den Palästina-Pokal und den Ligacup. In diesem Jahr darf der Verein erstmals in der ersten Runde des AFC-Cups antreten – ein internationaler Wettbewerb des Asiatischen Fußballverbandes, der vergleichbar ist mit der Europa League. Es sind historische Tage im Fußballdorf Wadi al-Nes.

Die Mannschaft des aktuellen palästinensischen Fußballmeisters bestreitet heute ihr Abschlusstraining im Al-Khader-Stadion nahe Bethlehem. Am nächsten Tag geht es ins Trainingslager nach Jericho, und von dort aus nach Jordanien, zum Spiel gegen Al Jazeera Amman.

Clubpräsident Saleem Abu Hammad ist ein kleiner, feingliedriger Mann mit einem akkurat gestutzten Schnauzer. Mit Gästen fährt er gerne in seiner dunkelblauen Mercedes S-Klasse auf einen Hügel vor dem Ortseingang, von dem man das ganze Phänomen Wadi al-Nes überblicken kann: beigefarbene, zweigeschossige Fassaden, die wie Kandiszuckerstückchen am Rücken eines Felsens kleben. Gut sichtbar, im Tal: ein Kunstrasenplatz. Etwas versteckt, im Ortskern: ein betonierter Bolzplatz für die Jugendmannschaft. Eigentlich spielen die Jungen aber sowieso überall dort, wo ihnen gerade nach Kicken ist: auf den Vorplätzen der alten Bauernhöfe, aber auch an den steilen Hangstraßen, die sich zwischen Mauern entlang schlängeln.


Saleem bittet in sein geräumiges Haus. Spitzenvorhänge, Marmorboden. Eilig wird eine kleine Standheizung in das Zimmer geschoben. Es ist kalt in Wadi al-Nes, für das Wochenende ist Schnee vorhergesagt. Abwehrspieler Ahmed Jamal Abu Hammad wärmt sich die Finger über den glühenden Edeldrahtspiralen.

Im Wohnzimmer hängt ein FIFA-Wimpel über den schweren Brokatsesseln. Sepp Blatter war im Jahr 2014 zu Gast, um den Club für die gerade gewonnene Meisterschaft zu ehren. Clubmanager Atif Ali Abu Hammad zeigt stolz ein Foto auf seinem Smartphone: der FIFA-Präsident im Kreise des Clubvorstandes. Wadi al-Nes hatte im vergangenen Sommer für kurze Zeit Weltniveau erreicht.

„Unser Geheimnis? Wir sind keine Mannschaft. Wir sind wie eine Person“, sagt der Vereinsboss. „Es geht uns nicht ums Geld, sondern ausschließlich um die Liebe für unser Dorf. Und wir haben eine ziemlich gute Nachwuchsarbeit. Das ist offensichtlich, oder?“

Tatsächlich finanziert sich der Verein fast ausschließlich über die relativ dürftigen Zuschauereinnahmen – pro Jahr steht dem Management von Taraji Wadi al-Nes ein niedriger fünfstelliger Dollarbetrag zur Verfügung. Ganz im Gegensatz zu Konkurrenzteams wie etwa Hebron Youth, die eine mittlere sechsstellige Summe in den Spielbetrieb investieren. „Manchmal haben wir Geld und die besten Spieler kriegen ein ordentliches Gehalt. Wenn kein Geld da ist, dann spielt unsere Mannschaft für die Ehre des Dorfes. Aber wir finden für jeden einzelnen eine passende Lösung.“

Einige Spieler arbeiten als Bauhelfer in der jüdischen Siedlung, die an das Dorf grenzt. Da bei einer Arbeitslosigkeit von rund 30 Prozent jeder Job als Glücksfall gilt, greifen manche Palästinenser in der Not auch zu derartigen Lösungen. Und doch ist das Beschäftigungsverhältnis nicht unproblematisch. „Für das Trainingslager haben wir versucht, eine Vereinbarung mit den israelischen Firmen zu erreichen, die in den Siedlungen bauen“, sagt Verteidiger Ahmed Jamal, der kürzlich sein Sportmanagementstudium beendet hat und nun auf einen Job beim palästinensischen Fußballverband hofft. „Doch es gab keinen Sonderurlaub. Deswegen müssen wir jetzt ohne die Spieler nach Jericho fahren. Die Spieler halten sich nach Dienstschluss in Wadi al-Nes fit und werden erst einen Tag vor der Abreise zur Mannschaft stoßen. Fußball ist wichtig. Aber unsere Familien haben Vorrang.“

Ahmed Jamal spielt seit mehr als einem Jahrzehnt für Wadi al-Nes. Er war Jugendspieler, als im Jahr 2000 nach einem Besuch des damaligen israelischen Premierministers Ariel Scharon auf dem Jerusalemer Tempelberg die Zweite Intifada ausbrach. Israel beklagte bis Anfang 2005 nach offiziellen Angaben 1.036 Tote. Durch Militäraktionen Israels kamen im gleichen Zeitraum etwa 3.500 Palästinenser ums Leben. An einen normalen Ligabetrieb war in dieser Zeit nicht zu denken.

„Zwischen den Dörfern gab es Checkpoints. Es war sehr schwierig, über weitere Strecken zu reisen. Selbst die Fahrt in Nachbardörfer dauerte mitunter mehr als eine Stunde“, erinnert sich Ahmed Jamal. „Und darüber hinaus herrschte Krieg. Wer kümmert sich schon um Fußball, wenn Menschen erschossen werden?“ Der palästinensische Fußballverband entschloss sich, den Spielbetrieb einzustellen. Stattdessen gab es regionale Wettbewerbe, zum Beispiel eine lokale Ramadan-Meisterschaft. „Wir haben nie aufgehört zu trainieren, obwohl es noch nicht einmal mehr einen Rasen gab, auf dem man hätte spielen können“, sagt Ahmed Jamal. Der Clubvorstand hatte weder Geld für die Wässerung eines ordentliches Rasens, noch die nötige Infrastruktur, um einen Platz auf dem trockenen Felsboden des Westjordanlandes zu pflegen.

Nachdem die Zweite Intifada zu Ende war und der Verband im Jahr 2006 erstmals wieder eine Meisterschaft ausrichtete, hatten fünf Spieler des Teams ihre Karriere bereits beendet. Die kriegsähnlichen Zustände in den Palästinensischen Gebieten hatten sie ihre besten Fußballerjahre gekostet. Doch die Familie Abu Hammad erwies sich auch in dieser Situation als erstaunliche Talentschmiede. Jüngere Brüder und Cousins rückten nach und füllten die entstandenen Lücken. „Sie können sich vielleicht vorstellen, dass gerade die Nachwuchsspieler besonders heiß darauf waren, die Tradition fortzuführen“, sagt Ahmed Jamal. „Sie wollten den Erfolg. Unbedingt. Gerade weil es sechs Jahre lang keine Meisterschaft gab.“

Zwei Jahre später gewann Wadi al-Nes die erste Meisterschaft der neu gegründeten West Bank Premier League. Der vierte Titel im vergangenen Jahr ebnete den Weg zum vorläufigen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte: die Teilnahme am internationalen Fußballwettbewerb.

Im gelben Sammeltaxi ist die Stimmung vor dem Abschlusstraining entspannt. Zehn Spieler sitzen in dem Kleinbus, der eigentlich nur für acht Personen zugelassen ist. Nachwuchsstürmer Hazem Abdullah checkt mit dem Smartphone seine Facebooknachrichten und die 16 noch ausstehenden Freundschaftsanfragen. Auf seinem rechten Oberschenkel sitzt Angreifer Dschihad Saqer, während ein Mannschaftskollege auf seinem linken Schenkel Furzgeräusche imitiert.

Plötzlich ist hinter einer Kurve ein israelischer Streifenwagen am Straßenrand zu sehen. Fahrer Ahmed Adnan verreißt das Steuer. Der rechte Vorderreifen fräst sich durch das Geröll am Standstreifen, in Sichtweite der Polizisten. Schultern klatschen gegeneinander. Gerade noch rechtzeitig vor dem Straßengraben fängt Ahmed den Wagen. Und gibt wie ein Besessener Gas. „Was ist los?“, fragt Teammanager Atif Ali. „Wenn die uns erwischen, landen wir alle im Knast!“, brüllt Ahmed. „Überbelegung, Verstoß gegen die Anschnallpflicht. Das reicht locker für eine Woche Gefängnis.“ „Nun hab dich nicht so“, versucht der Manager zu beschwichtigen. Aber Ahmed hat Angst, dass die Streife dem Bus folgt. Und so schießt der Wagen die Hügel hinab nach Bethlehem. Folgte das Polizeiauto dem Bus, könnte der Traum vom internationalen Fußball beendet sein, bevor er richtig begonnen hat. So groß die Familie Abu Hammad auch sein mag: Es gäbe schlicht keine Spieler mehr, die das Match gegen Al Jazeera Amman bestreiten könnten, falls der Kern des Teams mit auf die Wache müsste. Das Spiel wäre verloren, und ein Weiterkommen bei zwei noch ausstehenden Begegnungen so gut wie unmöglich.

Doch die Polizisten haben keine Lust auf eine Verfolgungsjagd mit dem überladenen Sammeltaxi. Sie bleiben auf ihren Posten. Nur Mittelfeldspieler Amer Jousef hat das Nachsehen. Er wartet vor einer jüdischen Siedlung, wo er bis vor wenigen Minuten noch auf einer Baustelle gearbeitet hat und anschließend eigentlich noch in den Kofferraum steigen sollte. Doch der Bus schießt ohne Halt an ihm vorbei.

Trainer Abulfattah Arar stammt aus Hebron und ist der einzige Aktive im Verein, der nicht in Wadi al-Nes geboren ist. Ein kleiner, aber sehr energischer Mann mit graumeliertem Haar und strengem Blick. Als der Bus am Stadion ankommt, wartet er schon ungeduldig. Nicht nur, dass das Training einige Minuten später anfängt als geplant. Auch dass die Mannschaft nicht vollzählig an diesem wichtigen Tag ist, stimmt ihn zornig. „Wo bleibt denn der Rest?“, ruft er wütend. Die Spieler erklären ihm das Malheur. Und gehorchen ihm aufs Wort. Es herrscht Disziplin auf dem Platz: Wo immer Arar auftaucht, halten die Männer inne und hören sich die Anweisungen ihres Coaches an. Selbst Torwart Tawfiq Ali Abu Hammad, palästinensischer Nationalkeeper und mit 1,97 Metern der mit Abstand Größte im Team, wirkt neben ihm wie ein Schuljunge, der nach einem Klingelstreich eine Standpredigt bekommt.

Gut möglich, dass der Trainer eines Teams aus Brüdern und Cousins von außen kommen muss. Sonst würde früher oder später jedes Spiel wie eine Familienangelegenheit behandelt werden. „Wenn alle Spieler aus einer Familie kommen, hat das seine ganz eigenen Vorteile und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass sie immer zusammenhalten und sich gegenseitig gut verstehen“, sagt Arar. „Und obwohl sie einen ganz unterschiedlichen Bildungshintergrund haben, pflegen sie auf dem Feld die gleiche Spielkultur.“ Gleichzeitig gebe es jedoch einen großen Nachteil. „Wenn einem einzigen etwas passiert, dann heißt das, dass die ganze Mannschaft für das Training oder für ein Spiel ausfällt.“ Vergangene Woche zum Beispiel. Da war eine ältere Dame aus dem Dorf gestorben. „In anderen Teams ist es dann so, dass vielleicht einer der Männer ausfällt, weil er auf die Beerdigung muss. In unserem Fall war dann gleich die ganze Mannschaft verhindert. Wir mussten das Training absagen.“

Für das Spiel gegen Al Jazeera Amman wagt Abulfattah Arar nun eine kleine Revolution: Er hat drei palästinensische Spieler aus Israel verpflichtet, um das Team zu verstärken. Erstmals werden in Jordanien nun Spieler für Wadi al-Nes auflaufen, die nicht im Dorf geboren sind. „Es war nicht einfach für das Team. Nur wenn diese Spieler offensichtlich besser sind als sie selbst, können sie das akzeptieren. Die Jungs aus Israel sind Profis. Das macht die Sache einfacher.“

In der palästinensischen Liga wird Wadi al-Nes aber weiterhin als reine Dorfauswahl auflaufen. Auf den Spielberichtsbögen steht dann wie in den vergangenen Jahrzehnten nur ein einziger Nachname: Abu Hammad.