logo
IMG_7660

Im Niemandsland


Jerusalem im Westen, die Westbank im Osten. Dazwischen eine Mauer – und Problemviertel wie Kufr aqab. Hier wohnen palästinensische Paare wie Noura und Khalid. Ihre Liebe ist groß – aber räumlich begrenzt. Weil sie unterschiedliche Personalausweise haben, dürfen sie nur hier leben: im Niemandsland.

Von Julia Gurol

Youri ist drei Monate alt. Ein Baby, das nicht existiert. Zumindest nicht auf dem Papier. „Vor drei Monaten wollte ich sie in meinen Pass eintragen. Die israelische Behörde hat verweigert – jetzt warte ich immer noch auf einen Rückruf“, erzählt ihr Vater.

Khalid, 30 Jahre alt, aus Ostjerusalem, blauer Personalausweis. Wenn er von seiner kleinen Familie erzählt, blickt er oft zu seiner Frau Noura herüber. Die beiden sind eines der vielen palästinensischen Ehepaare mit unterschiedlichen Rechten. Vor einem Jahr haben sie geheiratet. Beide ahnten zwar, auf was sie sich einließen. Wie schwierig es tatsächlich ist, merken sie jedoch erst jetzt.

Kennengelernt haben sie sich bei einem Konzert in der Universität von Birzeit. Sie ist Sängerin, er spielt Oud, eine Art arabischer Gitarre. „Vom ersten Moment an haben wir gefühlt, dass uns mehr verbindet als nur die Musik“, erzählt Khalid. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Mit diesem Blick begannen ihre Probleme: „Jeder Schritt war kompliziert. Unsere Beziehung, die Verlobung, die Hochzeit“, sagt Khalid. Die einzige Hoffnung während dieser schwierigen Zeit sei die Gewissheit gewesen, dass ihre Beziehung stärker sein würde als die zahlreichen Probleme.

„Meine Eltern haben mir geraten, mir die Hochzeit gut zu überlegen“, erzählt Noura. Sie hätten Angst gehabt. Angst, dass sie ein Leben im Niemandsland leben muss, Angst vor vielen Komplikationen.

Wenn ein Palästinenser aus Jerusalem, wie Khalid, eine Palästinenserin aus der Westbank, wie Noura, heiraten will, können sie weder in Jerusalem problemlos und legal zusammen wohnen, noch im Rest der palästinensischen Gebiete. Der Grund: Sie hat einen grünen Personalausweis, er einen blauen.Seit der Eroberung von Ostjerusalem durch Israel im Jahr 1967 gibt es diese verschiedenfarbigen „IDs“. Die damaligen palästinensischen Einwohner von Ostjerusalem durften nach der Annexion zwar in der Stadt wohnen bleiben, wurden aber nicht als „ordentliche Bürger“ anerkannt.

| Create infographics

Stattdessen leben sie mit dem Status des „dauerhaften Einwohners“ – und mit unterschiedlichen Papieren. Zusammenzuziehen war zwar prinzipiell möglich. Laut dem israelischen Innenministerium konnten zwischen1967 und 2003 etwa 100.000 bis 140.000 Palästinenser aus der Westbank zu ihren Ehepartnern nach Ostjerusalem ziehen. Auch andersherum ist eine Familienzusammenführung generell möglich, doch dann läuft der Ehepartner aus Ostjerusalem Gefahr, seinen blauen Pass zu verlieren und damit auch große Teile seiner Rechte. „Nach dem Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 verschärfte sich die Situation erneut. 2003 verabschiedete Israel ein „Gesetz über die Nationalität und die Einreise nach Israel“. Alle Anträge auf Zusammenführung der Familien wurden eingefroren. Zudem verbietet das neue Gesetz Palästinensern aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland, zu ihrem Ehepartner nach Ostjerusalem zu ziehen. „Gemischte“ Paare, wie Noura und Khalid können seitdem nur noch in speziellen Gebieten wohnen. Kufr aqab ist eines davon. Hier leben sie, damit Khalid seinen blauen Ausweis nicht verliert, der es ihm ermöglicht, nach Jerusalem zu reisen.

„Mein größter Traum ist es, irgendwann in Frieden zu leben, ganz egal wo “, sagt Noura. Sie wiegt die drei Monate alte Youri in ihren Armen. Die ist dick eingepackt, in zwei pinkfarbene Decken, und trägt eine dicke Jacke und eine Wollmütze, so kalt ist es in der Wohnung. Krank werden soll sie nicht, denn ohne eine offizielle Registrierung beim israelischen Innenministerium können Noura und Khalid ihre Tochter nicht krankenversichern. Von ihrem Balkon im vierten Stock können Khalid und Noura in der Ferne die israelische Sperranlage zu erkennen, die sich wie eine graue Schlange durch das Land zieht. Hier endet die Bewegungsfreiheit von Noura. Ihre größte Angst: Dass sich niemals etwas verändert. Dass ihre kleine Familie ihr Leben in einem Stadtviertel zwischen Israel und Palästina verbringen muss, in dem das Wasser nach Regentagen zentimeterhoch auf den unbefestigten Straßen steht, in dem immer weiter gebaut wird, obwohl kaum noch Platz ist und in dem sich Abfallhaufen und Müll türmen. Doch eine Lockerung der Gesetze ist bislang nicht in Sicht. Im Gegenteil: 2006 erklärte der israelische Oberste Gerichtshof das „Gesetz über die Nationalität und die Einreise nach Israel“ für offiziell gültig. 2012, nach zahlreichen Klagen betroffener Familien, betonte es erneut, das Gesetz sei verfassungskonform.

| Create infographics

Die israelische Militärregierung begründet die Situation mit Sicherheitsargumenten. Das Recht auf Familienzusammenführung sei nicht Teil der Rechte, die Palästinensern zugesprochen werden, heißt es in einem offiziellen Statement der israelischen Regierung. „Dass so viele Palästinenser einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen zeigt, dass sie hinter dem Rücken Israels versuchen, ihr Recht auf Rückkehr durchzusetzen. Das ist überraschend und beunruhigend“, begründete der israelische Innenminister Eli Yishai 2003 den endgültigen Stopp der Familienzusammenführung.

Am Ende der Stadt die Mauer
Gerne schauen sich Khalid und Noura ihre Hochzeitsfotos an. Dann blättert sie bedächtig die laminierten Seiten in dem großen unhandlichen Fotoalbum um und er kann zu jedem Bild eine kleine Geschichte erzählen. Sie versinken beinahe in den dicken Polstern ihrer altmodischen grünen Couch, die ihr liebster Ort in ihrer kleinen Dreizimmerwohnung ist. Ihre Wohnung verlassen die beiden nicht oft. Da Khalid eine blaue ID hat, kann er den Checkpoint nach Jerusalem passieren. Für Noura ist dagegen an der Grenze von Kufr aqab Schluss. Dort warten die Mauer und der Kalandia-Checkpoint. Wenn Juri später einmal in Jerusalem zur Schule gehen soll, kann Noura sie nur bis zum Checkpoint begleiten. Nach Ramallah und in die Westbank können beide ungehindert reisen, für Khalid ist es jedoch verboten, sich dort dauerhaft niederzulassen und zu wohnen.

IMG_7543

Die israelische Sperranlage trennt Nora von Jerusalem

„Für meine Tochter wünsche ich mir später eine anderes Leben“, erzählt Khalid. Vor seinem Mund bilden sich beim Sprechen kleine Atemwölkchen wegen der Kälte. Ein besseres Leben, weit weg von Kufr aqab. Da das Viertel zu Jerusalem gehört, aber durch eine Mauer von der Stadt getrennt ist, können israelische Polizisten nicht in die Stadt um für Ordnung zu sorgen. Polizisten aus Ramallah oder einem anderen Ort in der Westbank müssten erst einen Antrag bei der israelischen Regierung stellen, um sich der Stadt anzunehmen. Meist werden diese Anträge abgelehnt. Entsprechend hoch ist die Kriminalität in der Stadt, Drogen kursieren. Und ein Nahverkehrssystem oder eine funktionierende Infrastruktur existieren nicht – ebensowenig wie Youri auf dem Papier.