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Laber Rawabi


Rawabi sollte ein Vorzeigeprojekt werden: eine komplett neue Stadt im Westjordanland, die 40.000 Palästinensern ein modernes Zuhause bietet. Doch noch bevor die ersten Bewohner einziehen können, gibt es viel Ärger: mit israelischen Behörden, Siedlern im Nachbardorf – und besonders mit Gerüchten unter Palästinensern. Denn die bringen Rawabi vor allem eines entgegen: Misstrauen.

Von Martha Dudzinski

Majestätisch weht die größte Palästinenserflagge des Landes am Gipfel des Hügels und thront über dem sandigen Tal. An einem 25 Meter hohen Fahnenmast flattert sie lautstark im Wind, noch umgeben von einem Halbkreis aus neun kleineren Flaggen. Das Signal ist klar. Es gilt den Siedlern am Hügel gegenüber. „Das ist unser Land.“ Jack Nassars Gesichtszüge verhärten sich, er gibt sich entschlossen. Der 29-Jährige leitet das Büro des palästinensisch-amerikanischen Investors Bashar Masri, der sich hier an ein wagemutiges Großprojekt gemacht hat.

Mit 9x15 Metern steht in Rawabi die größte Flagge des Landes

Mit 9×15 Metern steht in Rawabi die größte Flagge des Landes

25 Kilometer von Jerusalem und nur neun Kilometer von Ramallah entfernt werden mehr als 5000 Wohnungen gebaut. Die ersten zwei Stadtteile sind fast bezugsfertig. Rawabi (arab. „die Hügel“) wurde am Reißbrett entworfen. Die Bauherren sind der größte private Arbeitgeber im Land, ein Drittel der beteiligten Ingenieure sind Frauen. Langfristig sollen in der neuen Stadt bis zu 5000 Arbeitsplätze entstehen. Das Zentrum: Fußgängerzone mit Kopfsteinpflaster, Shoppingmeile, Büros der IT-Branche. Nachhaltig soll Rawabi sein, innovativ, umweltfreundlich und modern. Vorerst ist es vor allem aber: kontrovers.

Die Verantwortlichen streiten sich seit Jahren mit der israelischen Regierung um Genehmigungen für Wasserleitungen und die Zufahrtstraße. Siedler reißen nachts Bäume aus oder die große Flagge herunter. Dazu kommt, dass unter den Palästinensern wilde Gerüchte, absurde Vermutungen und misstrauische Fragen kursieren: So ein moderner Bau – wird das nicht eine israelische Siedlung? Wieso boykottiert Masri die Siedlungen, bezieht aber Rohstoffe von israelischen Firmen?

Wieso hat der Jüdische Nationalfonds (JNF) 3000 Bäume an Rawabi gespendet? Die Geschichte ist bezeichnend für die Chuzpe, mit der Investor Masri sein Projekt vorantreibt: Ursprünglich hatte er die Spende abgelehnt. Dann aber verbot ihm das israelische Militär, das Tal am Fuße Rawabis zu bepflanzen. Zwar gehört ihm das Grundstück. Es liegt aber in der vollständig von Israel kontrollierten C-Zone des Westjordanlandes. Also erlaubte Masri dem JNF, die Bäume zu pflanzen – und zwar direkt an der Grundstücksgrenze zu den Siedlern. Der Coup: Der israelischen Umweltorganisation konnte das Militär die Bepflanzung des Landes nicht verbieten. Es akzeptierte den Schachzug und gestand Masri einen Etappensieg ein, doch der Aufschrei bei den Palästinensern war groß: Medienwirksam musste Masri Bäume ausreißen, obwohl der JNF statt 3000 gerade einmal 12 Bäume gepflanzt hatte. „Wir haben die Reaktion unterschätzt”, gesteht er heute ein. Manal Zraiq stimmt ihm zu: „Rückblickend hätten wir die Bäume nicht annehmen sollen.“ Sie ist Geschäftspartnerin des Investors und zuständig für Verwaltung und Finanzen.

 

In ihrem Büro häufen sich Entrepreneur-Auszeichnungen, auch von Google. Auf einer Kommode stehen Fotos von Zraiq mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, mit der ehemaligen US-Außenministerin Hillary Clinton, auch mit Ex-US-Präsident Bill Clinton. Sie betont, dass die Stadt ausschließlich von palästinensischen Firmen gebaut wird. 34 Prozent der für Rawabi benötigten Materialien kommen laut Massar International aus Israel. Zum Vergleich: Die palästinensische Importrate israelischer Produkte beträgt laut palästinensischen Statistikamt satte 71 Prozent. Israelische Zulieferer müssen vertraglich zusichern, dass keine Produkte aus israelischen Siedlungen verwendet werden.

Das überdimensionale Bauprojekt leidet vor allem unter politischen Hindernissen: Auch ein Teil der Zufahrtsstraße läuft durch die C-Zone. Immerhin durfte Masri die Straße inzwischen bauen und hat jetzt eine Nutzungsgenehmigung, auch wenn sie jährlich erneuert werden muss. Bis heute fehlt der Stadt die Wasserversorgung, die eigentlich schon für September 2014 zugesagt war. Zwar kam Ende Februar endlich das OK des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Doch bis das Wasser läuft, wird es noch Monate dauern.

Das Schild im Bad warnt auf Arabisch und Englisch, dass die Toilette noch nicht benutzt werden kann

Das Schild im Bad warnt auf Arabisch und Englisch, dass die Toilette noch nicht benutzt werden kann

„Im Januar hätten die ersten 700 Käufer einziehen können“, ärgert sich Manal Zraiq in ihrem Büro, „allein dadurch haben wir 70 Millionen Dollar (rund 61 Mio. €) verloren.“ Läuft die Wasserversorgung in Rawabi in ein paar Monaten, kann es Ärger mit den palästinensischen Nachbardörfern geben. Aktuell werden ihre Wassertanks auf dem Dach monatlich aufgefüllt. Wird Rawabi mit Wasser versorgt und sie nicht, wird das Misstrauen wachsen.

Es kursieren Gerüchte, Israel sei an der Finanzierung des Projekts beteiligt. Manal Zraiq erklärt, dass das katarische Immobilienunternehmen Diar darauf bestand, einziger Investitionspartner zu sein. Zwei Drittel der Finanzierung übernimmt Diar, den Rest Bashar Masris Firma Massar International. Die zu Beginn 2007 noch auf 200 Millionen US-Dollar geschätzten Kosten haben inzwischen die Milliardenmarke überschritten. Erheblich zu den Kosten beigetragen hat die Palästinenserbehörde: Sie hat kein Geld, um die versprochene Infrastruktur zu bauen. Also baut Masri nun auch Schulen, ein Krankenhaus,  Klär- und Wasseraufbereitungsanlagen. Dazu ein Fußballstadion mit 2000 Plätzen, ein Amphitheater mit 13.000 Sitzen. Eine Moschee ist im Bau, der Grundstein der orthodoxen Kirche ist gelegt. Die katholische Kirche ist in Planung.

Dr. Said Ayad ist Professor an der Universität von Bethlehem. Im Januar 2014 hat er seine Wohnung mit drei Schlafzimmern gekauft. Auch für ihn geht es um das Signal, dass Rawabi senden soll: „Auch wenn meine Freunde Bedenken haben – für mich geht es hier auch darum, ein modernes Land aufzubauen.“ Ein Rundgang durch seine Wohnung zeigt: Sie ist bezugsfertig. Sofakissen, Duschgel, Klosteine und Kühlschrankmagneten nehmen ihr das sterile, unbewohnte Flair. Nur ein Schild im Bad trübt noch die Illusion: „Bitte nicht die Toilette benutzen“, heißt es auf Arabisch und Englisch. An den Wänden fehlt der traditionelle Sandstein, stattdessen dominieren Weiß- und Grautöne. Der Küchenabzug ist aus Edelstahl, die Badezimmer modern gefliest. Die elegante Inneneinrichtung kontrastiert mit den sandigen Hügeln draußen vor dem Fenster. 60.000 bis 180.000 US-Dollar kostet hier ein Zuhause für die moderne Mittelklasse, Familien mit einem monatlichen Einkommen von 1200 bis 1500 Dollar. Sie träumen vom Eigenheim, können es sich in Ramallah aber nicht leisten, so Manal Zraiq.

Ein Spaziergang durch das "grüne Rückgrat" soll die Einwohner Rawabis ins Stadtzentrum führen

Ein Spaziergang durch das “grüne Rückgrat” soll die zukünftigen Einwohner ins Stadtzentrum führen

Umstritten sind auch die Verbindungen zum israelischen Architekten Moshe Safdie, der außer der israelischen Stadt Modi’in auch den jüdischen Teil der Jerusalemer Altstadt geplant hat. „Er hat mit Rawabi nichts zu tun“, betont Manal Zraiq, „wir hatten ausschließlich palästinensische Architekten“. Auch Jack Nasser schüttelt energisch den Kopf. „Wir hatten ein paar Amerikaner hier, weil sie Erfahrung in Stadtplanung haben. Safdie hat uns nur aus Neugier besucht und Berater vorbeigeschickt.“

Werden hier auch Israelis einziehen? Jack Nasser schüttelt den Kopf, während er mit dem Pick-Up-Truck auf abwechselnd frisch geteerten und sandigen Straßen den Hügel der Stadt auf- und abschaukelt. „Junge berufstätige und frisch verheiratete Palästinenser! Anfragen kommen auch von Palästinensern aus Italien, Australien, Israel, USA. Die dürfen aber nur reservieren – wir wollen keine leerstehenden Ferienhäuser. Menschen sollen hier wohnen, arbeiten, leben.“ Manal Zraiq erklärt: „Unsere Käufer müssen eine Erlaubnis haben, im Westjordanland Immobilien zu erwerben – da kooperieren wir mit der Palästinenserbehörde.“ Und warum fährt dann gerade ein israelischer Reisebus vor das Rawabi-Besucherzentrum? Das Schild auf der Windschutzscheibe gibt Entwarnung: Es sind nur amerikanische Touristen.