logo
DSCF1490

Made in Palestine


Die wirtschaftliche Entwicklung in den Palästinensischen Gebieten leidet unter der Abhängigkeit von Israel. Doch immer mehr Palästinenser produzieren eigene Produkte. Vier Freunde sind nun erfolgreich als Farmer gestartet: Sie züchten Pilze.

Von Lucas Lamberty

In diesen Tagen steht Mahmoud Kuhails Handy nicht mehr still. Unruhig sitzt der junge Palästinenser mit dem schelmischen Grinsen und der schwarz-weißen Kufiya in seinem kleinen Büro in den Feldern vor Jericho. Hier, inmitten von grünen Plantagen und mit Blick auf die bläulich-schimmernde Silhouette der jordanischen Berge, haben Kuhail und drei Freunde Amoro gegründet, die erste Pilzfarm in den Palästinensergebieten.

An diesem Morgen sind die Pilze bereits geerntet und in dem weißen Transporter verstaut. Seit Amoro vor einem Monat die ersten Pilze ausgeliefert hat, kann sich Kuhail vor Anfragen kaum retten. Ramallah, Bethlehem, Nablus, Hebron – mittlerweile haben seine Pilze den Weg in die Supermarktregale und Restaurants aller großen Städte im Westjordanland gefunden. Die große Nachfrage hat Amoro überwältigt. „Wir können genügend Pilze für drei Wochen züchten, aber jeden Tag kommen neue Anfragen hinzu,“ sagt Kuhail, während er einen Anruf wegdrückt und anschließend einen tiefen Zug aus seiner Zigarette nimmt. Mit seinen drei Gewächshäusern deckt Amoro Berichten zufolge bereits 40 Prozent des Pilzmarktes in den Palästinensischen Gebieten ab. In diesem Monat soll ein weiteres Gewächshaus hinzukommen.

Wenn Kuhail von seiner Geschäftsidee erzählt, klingt das fast wie bei einem Berliner Startup. Und es gibt tatsächlich einige Parallelen. Ein halbes Jahr lang hat der 30-Jährige International Business in Bremen studiert, ein weiteres Jahr in Hamburg gelebt. Kuhail spricht von „creativity“, „vision“ und „agribusiness“, in seinem Büro hängt ein großes Whiteboard mit den täglichen Aufgaben. Lange hat Kuhail bei der GIZ gearbeitet, beriet das palästinensische Wirtschaftsministerium. „Ich habe unzählige Berichte über die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina geschrieben“, sagt er. „Irgendwann hat es mir gereicht, ich wollte selber etwas bewegen.“


Die wirtschaftliche Entwicklung der Palästinensergebiete gleicht einem stetigen Auf und Ab. Das Westjordanland und Gaza leiden weiter unter der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von Israel. Laut einem Weltbankbericht von 2013 führt allein der beschränkte Zugang für Palästinenser zur ressourcenreichen Area C, die etwa 61 Prozent des Westjordanlands ausmacht und von Israel kontrolliert wird, zu einem jährlichen Verlust von 3,4 Milliarden US Dollar – das entspricht etwa 35 Prozent des palästinensischen Bruttoinlandsprodukts.

Zusätzlich krankt die palästinensische Wirtschaft an einem gigantischen Handelsbilanzdefizit. Importen im Wert von 4,7 Milliarden Dollar standen 2012 Exporte in Höhe von 782 Millionen Dollar gegenüber. Israelische Produkte dominieren den palästinensischen Markt, bislang wird nur geringfügig in den palästinensischen Autonomiegebieten produziert. Die Folge: niedrige Einkommen und hohe Arbeitslosigkeit. Da internationale Importe über Israel eingeführt werden müssen, entgehen der palästinensischen Autonomiebehörde zudem viele wertvolle Zolleinnahmen.

Seit Israel den palästinensischen Markt von 1967 an mit Produkten überschwemmt hat, gibt es immer wieder Versuche, israelische Produkte zu boykottieren. Besonders nach politischen Auseinandersetzungen, wie etwa dem Gaza-Krieg 2014. Laut BBC ist der Verkauf von israelischen Erzeugnissen seit Sommer 2014 in der arabischen Welt um 75 Prozent zurückgegangen. Das bietet Raum für palästinensische Produkte – und ruft einheimische Produzenten auf den Plan. „Die Entscheidung, selber in die Produktion einzusteigen, ist über die Jahre in mir gewachsen“, sagt Pilz-Farmer Kuhail. „Es ist ein Gefühl, das von Tag zu Tag stärker wurde. Heute bin ich von der Idee überzeugt.“ Israelische Produkte boykottiert Kuhail seit 15 Jahren. Samir Abdullah, Leiter des Palestine Economic Policy Research Institutes (MAS), bezeichnet den Israel-Boykott als langfristigen Trend. Allerdings sei man nun an einem entscheidenden Punkt angelangt. „Heute sind wir in der Lage, mit den israelischen Produkten mitzuhalten, was die Qualität und den Preis angeht“, erklärt Abdullah. In einer Studie haben die MAS-Experten ausgerechnet, dass etwa ein Drittel der israelischen Produkte durch palästinensische Erzeugnisse ersetzt werden könnte – insbesondere im Landwirtschaftssektor. Zurzeit stammen etwa ein Viertel der in den Palästinensergebieten angebotenen Produkte aus heimischer Produktion. Ziel sei es, diesen Anteil auf 35 Prozent zu steigern, schreiben die Experten. Es geht um Waren im Wert von 1,3 Milliarden US Dollar, die das Wirtschaftswachstum der palästinensischen Autonomiegebiete deutlich ankurbeln könnten. In ihrer Studie sprechen Abdullah und seine Kollegen von 70.000 bis 100.000 neuen Jobs – insbesondere für junge Palästinenser – und steigenden Einkommen.

DSCF1497

Auch Mahmoud Kuhail hat durch seine Pilzfarm neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei der Ernte unterstützen ihn täglich 15 Frauen aus Jericho. Für Salah Hanieh ist Amoro ein Vorzeigeprojekt. Lächelnd empfängt der Mittfünfziger mit den eisgrauen Haaren in seinem staubigen Büro im palästinensischen Arbeitsministerium. Hinter Hanieh prangt ein Abschlusszeugnis der Harvard-Universität. Ein Bild auf dem Regal zeigt ihn händeschüttelnd mit Arafat. Damals hatte Hanieh noch schwarze Haare. Viel hat sich seitdem verändert, die meisten Probleme sind geblieben. Hanieh ist der Vorsitzende der Palestinian Society for Consumer Protection. Gemeinsam mit 50 Mitstreitern hat er die Initiative „ini ikhtartok ya watani“ („Ich wähle mein Heimatland“) ins Leben gerufen, die sich für den Kauf palästinensischer Produkte einsetzt. Obwohl immer mehr Palästinenser zu heimischen Erzeugnissen greifen, bleiben einige skeptisch. „Viele Palästinenser sind weiterhin misstrauisch, insbesondere wenn es um die Qualität der Produkte geht“, sagt Hanieh. „Und manche wissen nicht, dass es palästinensische Alternativen gibt.“ Das soll „Ich wähle mein Heimatland“ ändern. Auf Facebook hat Hanieh eine Datenbank aufgebaut, die mittlerweile mehr als 200 lokale Produzenten umfasst. Beschließt ein Supermarkt, israelische Produkte zu boykottieren, kann er hier nach Alternativen suchen. Um einen nachhaltigen Einstellungswandel in der palästinensischen Gesellschaft sicherzustellen, zielt die Initiative insbesondere auf Schüler und Studenten ab. Wöchentlich besuchen Hanieh und seine Mitstreiter Schulen und Universitäten, stellen palästinensische Produkte vor und laden zum Ausprobieren ein. „Wir müssen die jungen Palästinenser davon überzeugen, dass sie langfristig vom Kauf heimischer Produkte profitieren“, erklärt Hanieh. „Nur wenn wir lernen, uns selbst zu lieben, haben wir etwas, worauf wir stolz sein können“.

Doch der Aufbau eines eigenen Betriebs ist oftmals schwierig – gerade in den palästinensischen Gebieten. „Wir hatten Probleme mit der Finanzierung“, erzählt Mahmoud Kuhail. Hinzu kamen bürokratische Hürden in Israel und bei der palästinensischen Autonomiebehörde. Doch zumindest letztere hat die Chance erkannt, den Aufbau der palästinensischen Wirtschaft voranzutreiben. Ende vorigen Jahres hat sie ein Gesetz verabschiedet, das Steuerleichterungen und Subventionen für Neugründungen vorsieht. Daneben investiert die Autonomiebehörde internationale Hilfsgelder gezielt in den Aufbau von Clustern, in denen traditionelle Produkte wie Kleidung, Möbel und Datteln hergestellt werden. „Es geht darum, kleine Unternehmen zu fördern, so dass die palästinensische Wirtschaft nicht verschwindet, sondern wächst“, erklärt Asmi Abdel Rahman vom palästinensischen Wirtschaftsministerium.

Pilzfarmer Mahmoud Kuhail hofft, dass viele junge Palästinenser seinem Beispiel folgen. „Die palästinensische Jugend ist sehr kreativ. Sie muss diese Kreativität in eigenen Projekten kanalisieren, dann kommen wir voran“, sagt er. Kuhail hat mittlerweile sein Handy in der Tasche seiner blauen Arbeitshose verstaut. Aufmerksam beobachtet er, wie eine neue Fuhre Kompost und Pilzsporen von einem rostigen LKW in den Matsch der Farm abgeladen wird. Ein Gewächshaus muss heute neu bepflanzt werden. Noch kommen die Sporen aus den Niederlanden, schon bald sollen sie von einem palästinensischen Erzeuger hergestellt werden. Mahmoud Kuhail sagt: „Eine Nation, die die Dinge nicht isst, die sie pflanzt, ist keine Nation“.