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Foto: Rahel Klein

Reime statt Steine


Wer das Wort „Widerstand“ hört, denkt gerade im Nahost-Konflikt schnell an Steine, Sturmgewehre, Raketen. Dabei gibt es in den palästinensischen Gebieten auch Menschen, die auf ihre Situation aufmerksam machen wollen ganz ohne Gewalt – auf ihre eigene, künstlerische Weise: durch klassische Musik, Folklore-Tanz oder HipHop.

Von Rahel Klein

Als Ramzi Aburedwan weltberühmt wurde, war er gerade einmal acht Jahre alt. 1987, zu Beginn der ersten Intifada, wurde das Bild des kleinen Jungen zum Symbol für die Wut und die Frustration des palästinensischen Widerstandes. In seinen kindlichen Händen hielt er zwei Steine, die er israelischen Panzern entgegenschleuderte. Zuvor war sein bester Freund getötet worden. Man sieht die Verzweiflung in Ramzis Gesicht, als er versucht, sich zu wehren. Heute ist er 35 Jahre alt und sagt: „Mit Steinen zu werfen war damals meine persönliche Art, meine Wut auszudrücken. Ich war damals einfach ganz unbedacht.“

Ramzi Aburedwans Bild als kleiner Junge wurde zum Symbol des Protestes. (Foto: Rahel Klein)

Ramzi Aburedwans Bild als kleiner Junge wurde zum Symbol des Protestes. (Foto: Rahel Klein)

Vielleicht wäre er als jugendlicher Angreifer – wie so viele andere – in einem israelischen Gefängnis gelandet. Aber es kam anders: In einem Musik-Workshop des Popular Art Center in Ramallah entdeckte Ramzi seine Liebe zur klassischen Musik. Er lernte Violine spielen, erhielt sogar die Möglichkeit, in Frankreich Musik zu studieren. “Die Musik hat meine Art, mich auszudrücken, verändert. Sie hat mir eine ganz neue Ausdrucksform geschenkt, die sehr kraftvoll und gleichzeitig ungefährlich ist”, sagt Aburedwan.

Dann, Anfang 2000, kehrte er in seine Heimat zurück, wurde zum mehrfach ausgezeichneten Violinisten, Komponisten, Musiklehrer und Leiter verschiedener Ensembles, darunter auch das palästinensische National Arabic Music Ensemble.

Im Jahr 2005 gründete er die Al Kamandjâti Association in den palästinensischen Gebieten. Der Name bedeutet so viel wie „der Violinen-Spieler“. Die Idee dahinter: In verschiedenen Musikschulen können bedürftige Kinder ein Instrument lernen, egal ob klassische Gitarre, Violine, Klavier oder auch einige arabische Instrumente. So wie die Musik Aburedwans Leben veränderte, will auch er helfen, das Leben der Kinder, vor allem in den Flüchtlingslagern, zu verbessern. “Ich glaube, wenn ich damals als kleines Kind die Möglichkeit gehabt hätte, Musik zu machen, hätte ich mich auch damals schon über die Musik ausgedrückt. Aber man nimmt eben das, was einem zur Verfügung steht”, sagt der 35-Jährige. “Und deshalb ist Kunst oder Musik so wichtig. Um die Kinder von der Gewalt des Konfliktes zu beschützen.” Mittlerweile werden bei Al Kamandjâti mehr als 500 Schüler in den Palästinensergebieten und im Libanon unterrichtet.

Wer Ramzi Aburedwan heute in seinem Büro der Musikschule in Ramallah besucht, trifft auf einen Mann, der in der klassischen Musik seine Form des Protests gegen die israelische Besatzung gefunden hat. Er ist ruhig, nachdenklich, seine tiefen Falten im Gesicht lassen ihn älter aussehen, als er eigentlich ist. Sie lassen erahnen, dass er viel erlebt hat, seit er als kleiner Junge in der ersten Intifada Steine geschmissen hat. In der Musik hat er seinen Ruhepuls gefunden.“ Musik ist ein unglaublich starkes Mittel, sich auszudrücken, weil man negative in positive Energie umwandeln kann“, so Aburedwan.

Im Jahr 2013 hat sich Al Kamandjâti mit elf weiteren Künstlergruppen zum Palestinian Performing Arts Network Programme zusammengeschlossen. Ihr Ziel: ein gemeinsames kulturelles Programm zu entwickeln, „um zur Entwicklung einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft beizutragen, die die Menschenrechte respektiert und die nationale palästinensische Identität stärkt.“

Auch die Tanzgruppe El-Funoun ist Mitglied dieses Netzwerks. Ihr Mittel zur Stärkung der Gesellschaft: der Dabke, ein orientalischer Folkloretanz, der die palästinensische Kultur widerspiegelt. In ihrer Musik und im Tanz thematisieren sie die Probleme, die ihren Alltag beeinflussen: die begrenzten Möglichkeiten zu reisen, die Siedlungsbauten der Israelis oder die eingeschränkten Rechte der Frau.

Noora: "Mit unseren Auftritten wollen wir der Welt zeigen, dass wir existieren." (Foto: Rahel Klein)

Noora: “Mit unseren Auftritten wollen wir der Welt zeigen, dass wir existieren.” (Foto: Rahel Klein)

Noora Baker kümmert sich um die Choreographien für neue Tanzprojekte. Sie ist eine fröhliche, hübsche junge Frau mit schwarzen lockigen Haaren und tanzt seit ihrem siebten Lebensjahr bei El-Funoun mit. Für sie gehört Dabke-Tanz zu ihrem Leben dazu, seit sie denken kann. „Der Tanz hat mir einen Weg aus der Hilflosigkeit des Alltags gegeben, die viele Palästinenser spüren“, sagt Noora. „Man fühlt sich hilflos, wenn man nicht weiß, was man machen soll – und ein Weg, trotz schwieriger Bedingungen produktiv zu sein, ist der Dabke. Er hat mein Leben unglaublich bereichert.”

Jede Woche trifft sich die Gruppe in den Tanzräumen des Popular Art Centers im Herzen von Ramallah. Drei Stunden lang üben sie neue Tänze ein, schaffen Raum für Improvisation und entwickeln neue Ideen für ihre Produktionen.
Für die Tänzer von El-Funoun ist das Tanzen viel mehr als nur kreative Freizeitbeschäftigung. Mit dem Dabke wollen sie der Welt zeigen: Das palästinensische Volk existiert, es hat seine eigene Kultur, seine eigenen Traditionen – und daran kann kein Krieg und keine Besatzung etwas ändern: „Auch wenn wir vielleicht viele Kämpfe verlieren, wenn wir militärisch oder politisch geschlagen werden: Wir können immer noch durch unsere Kultur gegen die Besatzung kämpfen“, sagt Ata Kattab, der genau wie Noora seit seiner Kindheit bei El-Funoun aktiv ist.

“Wir wollen nicht einfach nur als die ,Opfer’ angesehen werden, sondern als Botschafter unserer traditionellen Kunst, die uns die Möglichkeit gibt, zu kämpfen, zu widerstehen und etwas in der Gesellschaft zu verändern”, sagt Noora.


Folklore – eine traditionelle Form des künstlerischen Protests? Andere Künstler, so wie Nadim Al Ayaseh, haben ihre Ausdrucksform in einem ganz anderen, moderneren Genre gefunden: dem HipHop. Unter seinem Künstlernamen „MC Naz“ veröffentlicht der 21-jährige Informatik-Student seine Kritik an der Besatzung in Form von Rap-Musik. „Die Texte, die ich schreibe, handeln von meinem Alltag“, sagt Nadim. „weil alles, was in Palästina jeden Tag passiert, immer auch mit der Besatzung, der Mauer oder den Reiseverboten verbunden ist und diese Dinge uns davon abhalten, hier ein normales Leben zu leben.“

Nadim ist kein Gangster-Rapper, er trägt keine Goldkette oder Hosen, die ihm in den Kniekehlen hängen. Er ist ein politischer Künstler, mit nachdenklichem Gesichtsausdruck, der seine Energie in die Musik steckt. In Beit Sahour geboren und in einem Flüchtlingslager in Bethlehem aufgewachsen, hat der Konflikt mit den Israelis Nadims Kindheit immer geprägt. Als er acht Jahre alt war, wurde sein Haus von einem Panzer zerstört. Viele seiner Freunde und Verwandten kamen später ins Gefängnis. Wenn Nadim rappt, kann er seinen Gefühlen freien Lauf lassen und seine Erlebnisse verarbeiten, so wie in seinem Lied „Anger of the streets“: Eine Zeile, ins Deutsche übersetzt, besagt: “Den ganzen Tag, jeden Tag, sind wir Märtyrer, Gefangene; unser Volk hat die Hoffnung verloren. Keiner weiß, was passieren wird; unsere arabischen Brüder haben uns vergessen, unsere Freiheit verkauft.“


In den letzten Jahren haben immer mehr Palästinenser den HipHop als Kunst- und Ausdrucksform entdeckt. So wie die ersten Rapper in der New Yorker Bronx in den 70er Jahren den Sprechgesang als Ausdruck gegen Unterdrückung, Rassismus und soziale Missstände nutzten, verstehen auch die Palästinenser den Rap als kreative Form der Gesellschaftskritik. Durch Gruppen wie DAM, die auch international erfolgreich sind, wird die palästinensische HipHop-Szene immer stärker wahrgenommen. Mit Reimen – statt Steinen.